Netzwerk Handwerk.
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Qualität und Gestaltung
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Region Kitzbühel-Kufstein

4. Handwerksforum von Netzwerk Handwerk: Neue Blicke auf den Lehrberuf

Berufsausbildung auf Augenhöhe mit schulisch-akademischer Bildung

Ist das Erfolgsmodell der Lehre noch zukunftsfähig oder braucht es neue Wege für die Berufsausbildung? Diese und andere Fragen rund um die Handwerksausbildung standen beim 4. Handwerksforum von Netzwerk Handwerk zur Diskussion.

Die Lehre, also die “duale Ausbildung” im Lehrbetrieb und in der Berufsschule, ist eine österreichische Erfolgsgeschichte. Allerdings – die “goldenen Zeiten” der Lehre sind vorbei: immer weniger junge Menschen ergreifen einen Lehrberuf und entscheiden sich für eine weiterführende Schule oder ein Studium. Dabei bietet die Lehre, speziell im Handwerk, sichere, erfüllende Berufe und Karrieremöglichkeiten.

Seit einigen Jahren gibt es Bemühungen, die Berufsausbildung moderner, zeitgemäßer und gegenüber der schulisch-akademischen Ausbildung attraktiver zu machen. Ein großer Schritt dahin ist die Etablierung des von der EU vorgegebenen Nationalen Qualifikationsrahmens (NQR), der unterschiedliche Ausbildungen auf vergleichbaren Levels einstuft. So ist beispielsweise der Meister künftig auf Stufe sechs der 8-stufigen Skala dem Bachelor gleichgestellt. Ziel ist eine Vergleichbarkeit aller Ausbildungen in Europa – der schulisch-akademischen Bildung ebenso wie der Berufsausbildung – und damit eine Aufwertung der Berufsbildung. Die praktische Berufsausbildung soll nicht mehr als “zweitklassiger”, sondern als gleichwertiger, aber andersartiger Bildungsweg wahrgenommen werden.

Die Erfüllung, die “das Tun mit den Händen” bringt, betonte Josef Ganner in seinem Eingangsstatement. Der frühere Berufsschuldirektor warb enthusiastisch für “die praktische Tätigkeit in der Lehre”, aber auch für umfassende Bildung im Handwerk – schließlich sei das Alter zwischen 14 und 20 Jahren die wichtigste Lebens- und Lernphase junger Menschen.

Gleichwertig, aber andersartig – Ausbildung auf Augenhöhe

Der Hauptreferent des Forums, Bildungsexperte Univ.-Prof. Andreas Schnider, hielt ein leidenschaftliches Plädoyer für Qualität und Bildung im Handwerk, das “als Teil des Lebens” Erfüllung biete und “Hand, Herz und Hirn” fordere. Wesentlich sei der Erwerb von Qualifikationen und Kompetenzen – wobei die Zuordnung zum NQR hilfreich sei, um Qualifikationen öffentlich sichtbarer zu machen. Zudem ermögliche der NQR eine Begegnung von Lernbereichen (Schule/Studium) und Arbeitsbereichen (Beruf) “auf Augenhöhe” – “gleichwertig, aber andersartig”. Eines ist für Schnider klar: “junge Menschen sind bildungshungrig” – egal, ob im Beruf oder in der Schule bzw. im Studium.

Ein weiterer Schritt zur Aufwertung ist die neu geschaffene Möglichkeit der Eintragung des Titels Meister/Meisterin (“Mst./in”) in amtliche Dokumente. Mit der Novelle der Gewerbeordnung wurde dieser Schritt am 21. August 2020 umgesetzt. “Ein historischer Tag für das Handwerk, für die Handwerksbildung” freut sich Netzwerk-Handwerk-Obmann Rainer Höck, zugleich Tiroler Innungsmeister der Maler und Tapezierer.

Heidrun Bichler-Ripfel vom Institut für angewandte Gewerbeforschung (IAGF) beleuchtete die besondere “Wertekultur des Handwerks“ anhand der von ihr mitverfassten UNESCO-Studie "Traditionelles Handwerk als immaterielles Kulturerbe und Wirtschaftsfaktor in Österreich". Ihre Botschaft: “Handwerk ist Emotion”. Damit könne die Jugend erreicht werden. Viktoria Greiner (IAGF) erläuterte die Einordnung der Meisterqualifikation in den NQR, das Festschreiben der Fähigkeiten, die das Handwerk und den Meisterbrief auszeichnen: “Wörter sind wichtig, wir müssen sagen und zeigen, was wir können!”

Paul Vyskovsky vom WIFI Tirol präsentierte ein Modell für eine neue duale Berufsbildung der Zukunft – ein berufspraktisches Bildungssystem, das Bildung und Praxis verschränkt. Dieser mehrstufige Weg mit Lehre, Diplom, Meister, Master Professional und Dozent Professional bietet auch für Berufspraktiker Entwicklungsmöglichkeiten und Karriereperspektiven. Ziel ist es, diesen Stufenweg nun auch gesetzlich zu verankern.

Die abschließende Podiumsdiskussion mit Franz Jirka (Spartenobmann Gewerbe und Handwerk WK Tirol), Rainer Höck (Innungsmeister der Maler und Tapezierer, Obmann NWHW), David Narr (Lehrlingskoordinator WK Tirol), Anton Kern (Landesgeschäftsführer AMS Tirol), Clemens Happ (Innungsmeister der Friseure) und Paul Vyskovsky vom WIFI Tirol drehte sich in vielen Facetten um die Steigerung der Attraktivität der Lehrberufe: mehrstufige Ausbildung, Konfrontation mit Handwerk und Kreativität schon im Volksschulalter, triale Ausbildung, überbetriebliche Ausbildung... Kritisch angemerkt wurde die mangelnde Bereitschaft, Lehrlinge auszubilden, der teils mangelhafte Bildungsstand der Schulabsolventen – wichtig sei es außerdem von Seiten der Betriebe, die Ausbildungsqualität weiter zu steigern. Angeregt wurde außerdem, den Begriff des “Gesellen”, der früher einen weit höheren Stellenwert hatte, wieder mehr zu achten, auch das trage zur Wertschätzung des Handwerkers bei.

Resümee: Handwerk ist gerade heute wieder sehr attraktiv, bietet selbst in Krisenzeiten sichere Jobs und große Entwicklungsmöglichkeiten. Handwerk ist Zeitgeist, trägt Werte wie Qualität, Ökologie, Regionalität, Reparaturfähigkeit in sich, muss aber sichtbarer werden und selbstbewusst auftreten, um die Jugend zu erreichen. Wenn das gelingt, hat Handwerk auch Zukunft.

Fotos: Albin Ritsch